Jutta Janeschitz - Slogan
 
 
Kinder
 
 
Irgendwann 1998
 
 
 
 
 
Als mir der Arzt zum ersten mal gratulierte, weil ich schwanger war, war ich überrascht. Kinder sind ein Geschenk des Himmels, heißt es so schön, aber ich hatte mir nie vorgestellt, Mutter zu werden oder Mutter zu sein. Und nun war es soweit. In meinem Körper wuchs ein kleiner Mensch.
 
Vier Wochen später teilte mir der Arzt mit, dass das Kind, Ei, Fötus, Embryo aufgehört hatte, zu wachsen. Ich musste in die Klinik, um es ausschaben zu lassen.
Es geschah an einem Nikolaustag. Nach der Operation kam der Klinik-interne Nikolaus zu Besuch und schenkte jeder von uns einen Nikolaus aus Schokolade. Ich war gerade aus der Narkose aufgewacht, aber ich habe den Nikolaus ganz schnell gegessen, so schnell, dass ich noch einen haben wollte, und noch einen. Gerettet hat mich eine Schachtel Schokopralinen, die auf dem Tisch meiner Nachbarin lag und die sie mir, angesichts meiner Not, angeboten hatte.
Ich aß sie alle.
 
Das zweite Mal, als mein Arzt mir gratulierte, weil ich schwanger war, hatte ich bereits eine kleine Blutung.
Genau vier Wochen später lag ich wieder in der gleichen Klinik und unterzog mich der gleichen Prozedur wie sechs Monate zuvor.
Als ich diesmal aus der Narkose erwachte, hatte ich nur Schmerzen.
Schmerzen im Körper und Schmerzen in der Seele.
Mein etwas überraschend aufgetretener Kinderwunsch war verflogen.
Kinder sind ein Geschenk des Himmels und der Himmel hatte mir dieses Geschenk nicht machen wollen.
Ich tröstete mich Monate, sogar Jahre lang, mit Schokolade und Plätzchen.
 
Ich weinte, als ich sah, wie einige Eltern mit ihren Kindern umgehen, wie Kinder auf der Welt hungern, verprügelt werden, krank werden, sterben. Einmal weinte ich sogar zwei Wochen lang, weil ich hörte, dass es ein Land gibt, wo Kinder weggeworfen werden, weil sie mit dem falschen Geschlecht oder zum falschen Zeitpunkt auf die Welt kommen. Ich hätte meine Kinder lieb gehabt.
 
Heute, viele Jahre später, habe ich mich beruhigt, aber meine Seele weint immer noch. Sie weint, wenn sie ein zartes Baby sieht, das das Leben mit einem Lächeln begrüßt und stolz seine ersten Zähnchen zeigt. Und sie weint immer noch über die Verschwendung menschlichen Lebens, über den Mord an ungeborenen Kindern und die Respektlosigkeit dem Leben gegenüber, mit denen sie heutzutage immer wieder konfrontiert wird. Ich wünsche mir, der Schmerz würde irgendwann aufhören.
 
Aber ich bin auch in einem Alter, in dem ich froh bin, wenn meine Bekannten und Freunde nach einem Besuch bei mir nach hause gehen, und ihre Bälger wieder mitnehmen.
 
JJ
 
 
 
 
P.S. Das gilt natürlich nicht für meine süssen Nichten Lea, Ina und Eva und auch nicht für meinen kleinen Grossneffen Silas. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
©Jutta Janeschitz
 
 
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